
Mein Napf ist leer. Immer. Auch wenn er gerade voll war.
Mein Napf ist leer.
Nicht „gleich leer“. Nicht „fast leer“. Leer.
Vorhin war er voll. Ich habe es gesehen. Ich war dabei. Ich habe sogar kurz gewartet, damit es stilvoll wirkt. Dann habe ich gegessen. Sehr gründlich. Mit der Nase im Napf, damit keiner denkt, ich hätte etwas übrig gelassen. Und jetzt? Leer.
Das ist kein Zufall. Das ist ein System.
Karin sagt, ich hätte „gerade erst“ gefressen. Reiner nickt, als wäre das ein Argument. Ich kenne diese Menschen. Sie verwechseln „gerade“ mit „vor einer halben Ewigkeit“. In Hundejahren ist eine halbe Ewigkeit ungefähr die Zeit zwischen „Napf hingestellt“ und „Napf wieder leer“. Also jetzt.
Ich setze mich davor. Ich seufze. Ich schaue erst den Napf an, dann Karin, dann Reiner, dann wieder den Napf. Das ist keine Betteltour. Das ist eine Lagebesprechung. Der Napf meldet Fehlbestand. Ich bin nur die Pressesprecherin.
Manchmal legt Karin eine Hand auf meinen Kopf und sagt: „Merle, du hast alles aufgefressen.“ Ja. Genau. Das ist der Punkt. Aufgefressen ist Vergangenheit. Leer ist Gegenwart. Zukunft wäre: nochmal.
Reiner versucht es mit Logik. „Du kannst nicht ständig hungrig sein.“ Kann ich. Bin ich. War ich schon, als der Napf noch voll war. Hunger ist bei mir kein Zustand, Hunger ist eine Haltung.
Ich lege das Kinn auf den Rand. Nur ganz leicht. Nur so, dass es klappert. Nicht laut. Dramatisch. Wenn das nicht hilft, gehe ich in die Küche und starre den Schrank an, in dem die guten Sachen wohnen. Ich weiß, welcher. Ich war dabei, als er eingeräumt wurde. Ich vergesse Futterorte nie.
Der Napf bleibt leer. Ich bleibe sitzen. Irgendwann gibt einer nach. Nicht weil ich hungere. Weil ich recht habe. Ein leerer Napf ist keine Kleinigkeit. Ein leerer Napf ist eine offene Rechnung.
Und ich, Merle, bin sehr gut im Mahnen.